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Was ist der Grund, warum Unternehmen im Osten nicht genauso viel Geld verdienen wie im Westen?


Kampf um Tarifbindung

Warum zahlen Unternehmen im Osten nicht einfach so viel Gehalt wie im Westen?

Ungleiche Gehälter in West- und Ostdeutschland

Ungleiche Gehälter in West- und Ostdeutschland

© Quelle: Imago/Christian Ohde

Während es am 1. Juli zur Rentenangleichung Ost-West kommt, klafft weiter eine erhebliche Lücke im Lohnniveau zwischen Ost und West. Kanzler Scholz hat das gerade aktuell angeprangert. Warum ist das so? Und wie sieht es die Wirtschaft in Sachsen?

Andreas Dunte

Leipzig. Es waren Worte, die es in sich hatten: Beim ostdeutschen Wirtschaftsforum in Bad Saarow (Brandenburg) nahm Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) am letzten Sonntag die Unternehmerschaft in die Pflicht. Sie solle endlich höhere Löhne im Osten zahlen, forderte der Kanzler. Gute Löhne, so Scholz, seien ein entscheidender Standortfaktor. Es könne doch nicht sein, dass die Monatslöhne im Osten im Schnitt 620 Euro niedriger seien als im Westen. Der Scholz-Vorwurf hat eine alte Diskussion wieder neu entfacht. Wie gerecht ist das Lohnniveau in Deutschland? Und warum ist auch in Sachsen der Weg zu 100 Prozent Westgehalt in vielen Branchen so lang?

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Durchschnittsverdienst 3510 Euro in Sachsen

Die Zahlen sprechen zunächst eine klare Sprache. Wie das Statistische Bundesamt auf LVZ-Anfrage mitteilt, beträgt der Bruttoverdienst in Westdeutschland im Schnitt 4218 Euro monatlich. Im Osten sind es hingegen 3379 Euro, in Sachsen 3510 Euro (siehe Grafik). Vom Durchschnittslohn der Sachsen sei er „meilenweit“ entfernt, sagt Uwe Persdorf (59), Mitarbeiter bei Van-Eupen-Logistik in Leipzig. Seine Firma liefert wie andere Kontraktlogistiker Autoteile direkt bei Porsche ans Band. „Aber anders als etwa die Mitarbeiter der Logistikfirmen Schnellecke oder Rudolph werden wir mit weit geringeren Löhnen abgespeist“, sagt der Schkeuditzer. Der Stundenlohn liege knapp über dem Mindestlohn. Dagegen wehre man sich. „Wir jammern nicht. Wir wollen nur wie die anderen behandelt und bezahlt werden.“

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Firmenstruktur in Sachsen ist eine andere

Beim Vergleich des Lohnniveaus spielt auch eine Rolle, dass in Sachsen eher eine kleinteilige Wirtschaftsstruktur existiert. Zudem seien Konzernsitze und gut bezahlte Forschungs- und Entwicklungsbereiche im Freistaat im Vergleich zu westlichen Regionen weniger präsent, erklärt Steffen Reißig von der IG Metall Leipzig. „Und bei den kleinen Firmen ist die Bereitschaft, sich in Arbeitgeberverbänden zu organisieren, gering.“ Abseits großer Konzerne wie Porsche, VW oder BMW müsse man mit fast jedem Unternehmen Haustarifverträge aushandeln, um überhaupt eine Tarifbindung hinzubekommen. „Das macht es so schwer, uns für bessere Löhne und Arbeitszeiten einzusetzen.“

DGB kritisiert geringe Zahl der Tarifverträge

Auch der DGB sieht die geringe Tarifbindung als Hauptproblem an. Nur 45 Prozent aller Beschäftigen im Osten werden nach Tarif bezahlt. Im Westen sind es 54 Prozent. Allerdings gibt es in West wie Ost einen Rückgang der Tarifbindung. Für Sachsens DGB-Chef Markus Schlimbach ein Unding: „Die Arbeitgeber jammern über Fachkräftemangel, haben aber ganz offensichtlich noch nicht erkannt, dass der Wettbewerb um Fachkräfte mit Billiglöhnen nicht zu gewinnen ist.“

Mittelständler und Handwerk mit eigenem Lohnniveau

Im sächsischen Mittelstand sieht man das aber anders. „Ich zahle zwar keinen Tariflohn, habe aber mein Lohnniveau so nach oben angepasst, dass ich Fachkräfte finde“, sagt Tim Kieß, Geschäftsführer vom Schilderwerk Beutha (Erzgebirge). Er habe jedenfalls in den letzten Monaten genügend gutes Personal eingestellt, auch ohne Tariflohn. Im Erzgebirge und Chemnitzer Raum zahle er zwar weniger als an seinen Standorten in Berlin und Nürnberg, die individuellen Lohn-Regelungen würden aber akzeptiert, so der Chef der bundesweiten Nummer zwei der Schilderbranche (220 Mitarbeiter, 31 Millionen Euro Umsatz).

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Ähnlich argumentiert auch Volker Lux. Der Hauptgeschäftsführer der Leipziger Handwerkskammer sieht die Tarifbindung kritisch. „Unsere Firmen zahlen, was sie können. Sie würden mehr zahlen, wenn sie es könnten“, sagt er. Im Handwerk sei der Personalkostenanteil viel höher als in der Industrie. „Und deshalb schlagen Lohnerhöhungen immer auf die Preise für die Endkunden durch“, gibt Lux zu bedenken.

Der DGB macht trotz dieser Aussagen aus dem Mittelstand und dem Handwerk bei der Tarifbindung Druck. Dahinter steht auch Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig. „Am besten läuft es mit Tarifvertrag“, sagt der SPD-Politiker. „Überall dort, wo es einen Flächentarifvertrag gibt, haben die Menschen mehr Geld in der Tasche als in Branchen mit geringer Tarifbindung. Dort gibt es praktisch keinen Lohnabstand mehr.“

Wirtschaftsforscher: Politik soll sich raushalten

Dulig steht demzufolge hinter der Forderung von Scholz. „Niemand kann es sich leisten, dass die Menschen wegen niedriger Löhne und schlechterer Arbeitsbedingungen weggehen.“ Beim ifo-Institut in Dresden ist man über den Appell von Scholz nicht erfreut. „Als Bundeskanzler sollte man sich aus der Lohnfindung eigentlich heraushalten“, sagt ifo-Vize Joachim Ragnitz. Der Spielraum der Politik sei ohnehin begrenzt. „Und selbst wenn sie darauf pocht, öffentliche Aufträge nur an tarifgebundene Unternehmen zu vergeben, erreicht sie damit nur wenige Branchen, hauptsächlich das Baugewerbe.“

LVZ

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Author: Daniel Smith

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